Gipfeltour Grande Tête de l’Obiou

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Seit meiner frühesten Kindheit bin ich fast jedes Jahr in der französischen Matheysine im Süden des Departements Isère zu Besuch gewesen. Wie es diese Region geschafft hat, sich bis heute den großen Urlauberströmen zu entziehen, ist mir ein absolutes Rätsel. Ich vermute, das war nur durch die aktive Mithilfe der „Matheysins“ möglich, von denen viele seit jeher lieber selbst die Schönheit der Natur genießen, statt zu versuchen, diese zu vermarkten. Obwohl es hier fast alles gibt, was das Urlauberherz begehrt (ruhige Seen, markante Gipfel, rasante Mountainbiketrails, spektakuläre Klettersteige, einsame Wanderwege und vieles mehr), trifft man nur selten auf Touristen, ein echter Geheimtipp!

Über dem Matheysineplateau thront von weithin sichtbar der Obiou, der mit Abstand beeindruckendste Gipfel des Dévoluy Massivs. Berüchtigt ist der Obiou nicht nur wegen seines markanten Aussehens, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass sich hier Mitte des 20. Jahrhunderts zwei tragische Flugzeugunglücke ereignet haben. Obwohl „nur“ 2789 Meter hoch, wirkt sein Gipfel schon aus großer Entfernung sehr beeindruckend und unbezwingbar. Je näher man dem Berg kommt, desto weniger kann man sich vorstellen, dass es möglich sein soll, ihn ohne Kletterausrüstung zu bezwingen.

Vorbereitung

Nur wer topfit und schwindelfrei ist sollte sich am Obiou versuchen, blutige Anfänger, Kinder und Hunde sollte man in ihrem eigenen Interesse unbedingt zu Hause lassen! Auf- und Abstieg dauern für die 1260 Höhenmeter jeweils ca. 4 Stunden. Unterwegs gibt es keinerlei Möglichkeit, sich zu versorgen, also unbedingt genug Wasser für einen kompletten, sehr anstrengenden Wandertag mitnehmen! Man findet am Obiou keinerlei Möglichkeit, sich vor Wind und Wetter zu schützen, also den Aufstieg nur bei stabiler Wetterlage angehen, gute Wanderschuhe anziehen und ausreichend warme Klamotten einpacken! Am Obiou wird keine Kletterausrüstung benötigt, ein Kletterhelm ist aber absolut empfehlenswert, da unterwegs praktisch ständig kleineres Geröll an einem vorbei kullert. Die Eingeborenen, die den Berg gerne auch mal in Sandalen und T-Shirt besteigen, belächeln einen dafür zwar nur müde, aber Sicher ist Sicher… Plane unbedingt genug Zeit ein (früh aufstehen!), damit du auf dem nicht ganz ungefährlichen Rückweg nicht von der Dunkelheit überrascht wirst. Fernglas und Fotoapparat sind Pflicht!!
Es ist außerdem sinnvoll, sich vorm Start zu erkundigen, ob der Weg zum Gipfel eisfrei ist. 2013 war der Weg unterhalb des Gipfels den gesamten Sommer über vereist, so dass wir den Aufstieg in diesem Jahr lieber nicht gewagt haben. Auskunft können hier in der Regel die Tourismusbüros der Region geben.

Anfahrt

Nach mehreren gescheiterten Versuchen aufgrund von schlechtem Wetter war es am 12. August 2014 schließlich so weit und wir machten uns früh morgens auf, endlich den imposanten Obiou zu bezwingen. Wir starteten beim Städtchen La Mure in südlicher Richtung auf der N85. Schon kurz nach dem Ortsausgang biegt man links auf die D526 in Richtung Pont de Ponsonnas ab. Auf dieser über 100 m hohen Brücke über den Fluss Drac kann man am Wochenende den Bungeespringern bei der Arbeit zuschauen, wenn man möchte… Direkt nach Überqueren der Brücke biegt man wieder links ab und schlängelt sich auf einer kleinen Straße den Berg hinauf. Bald durchquert man das Örtchen Saint Sébastien und fährt auf der D66 weiter Richtung Cordéac. Spätestens hier hat man das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein. Weiter geht es vorbei an La Croix de Pigne  und Les Moras, bis man schließlich auf der rechten Straßenseite ein weißes Metallkreuz und ein Schild Richtung Obiou sieht. Ab hier wird es richtig abenteuerlich, über teilweise unbefestigte Wege geht es durch den Wald hinauf bis zum Parkplatz an der Hütte „Cabane des Baumes“. Die Pisten sind zwar mit einem normalen Auto befahrbar, man sollte allerdings langsam fahren und immer die Bodenfreiheit im Auge behalten. Sofort beim Aussteigen aus dem Auto fällt der Blick auf den Gipfel und es beschleicht einen wieder das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmen kann, die Wände wirken einfach zu Steil für einen Aufstieg ohne Kletterausrüstung!

 

Blick auf den Obiou vom Parkplatz aus
Blick auf den Obiou vom Parkplatz aus

Aufstieg

Wir folgen der durchgehenden roten Markierung und beginnen unsere Wanderung über eine wunderschöne Wiese, auf der es von Murmeltieren nur so wimmelt. Schon nach kurzer Zeit wirkt der Parkplatz bei einem schnellen Blick zurück weit entfernt. Es geht weiter über einen sanften Bergrücken mit saftigen Wiesen, wir treffen auf viele freundliche Kühe und eine große Schafherde. Nach etwas mehr als einer Stunde stehen wir nun direkt unterhalb eines gewaltigen Geröllfelds und haben die Wahl, dieses entweder rechts herum zu umlaufen oder uns links zu halten und dann einmal quer hindurch zu marschieren. Wir entschieden uns für den Weg durchs Geröllfeld und haben dies relativ schnell bereut. Der Weg ist hier so steil und das Geröll so locker, dass man für jeden erklommenen Meter einen halben Meter abrutscht. Ich empfehle dringend, den etwas längeren Weg rechts am Geröllfeld vorbei zu nutzen, dies ist auch der offiziell markierte Weg. Hat man das Geröllfeld überwunden, ist die Aussicht bereits atemberaubend. Im Hintergrund tauchen mehr und mehr Gipfel des Écrins Massivs auf – der höchste davon, La Barre des Écrins, mit beeindruckenden 4102 Metern!

Geröllfeld am Obiou
Geröllfeld am Obiou

Oberhalb des Geröllfelds, wird es langsam spannend. Es geht weiter über sehr steiles Felsgelände, teilweise ist man hier auf allen Vieren unterwegs. Der „Weg“ führt einen dabei direkt oberhalb einer senkrechten Felswand in schwindelerregenden Höhen entlang. Gemessen an deutschen Maßstäben werden sich hier sicher viele Wanderer fragen, warum zur Hölle hier niemand ein sicheres Drahtseil für einen Klettersteig angebracht hat. Abrutschen ist hier definitiv keine Option! Wer es an diesem Stück mit der Angst zu tun bekommt, sollte sich lieber selbst einen Gefallen tun und möglichst früh umkehren.

Bevor man den Pass des Obiou zwischen den beiden Gipfeln des „kleinen“ und des „großen“ Obiou erreicht, empfiehlt es sich, noch einen Abstecher links über das Geröllfeld in die Höhle unterhalb des kleinen Obiou zu machen. In dieser Höhle steht man, vorausgesetzt man hat eine gute Taschenlampe dabei, nach wenigen Metern vor der massiven Eiswand eines kleinen, unterirdischen Gletschers.

Hat man den Pass erreicht, bietet sich zum ersten Mal ein Panoramablick in Richtung Süden. Zu sehen sind hier unter anderem der Pic de Bure (2709 m). Bei einem Blick nach unten machen sich schnell Schwindelgefühle breit, hier breiten sich steile Geröllfelder und senkrechte Felsen aus so weit das Auge reicht. Vegetation sucht das Auge hier vergeblich, eine echte Mondlandschaft! Wir hatten das Glück unterhalb des Passes auf der Südseite eine Gruppe Steinböcke beobachten zu können.

Ab jetzt versteht man auch zum ersten Mal, wie der Aufstieg überhaupt möglich ist, ohne die senkrechten Felswände hinauf zu müssen: der Weg umrundet den Gipfel zunächst auf der Südseite, von hier aus ist der Aufstieg dann deutlich weniger steil. Obwohl dieses letzte Teilstück nur noch ca. 250 Höhenmeter ausmacht, machte sich hier die Höhenluft und die mangelnde Fitness deutlich bemerkbar. Endlich am Gipfel angekommen waren wir fast schon zu erschöpft, um den grandiosen Ausblick zu genießen. Als siebtprominentester Berg Frankreichs bietet der Obiou einen 360° Ausblick, der seinesgleichen sucht! Auf der Nordseite des Gipfels steht man direkt an einem mehrere hundert Meter tiefen Abgrund, das ist wirklich nichts für schwache Nerven, kein Wunder, dass der Berg auch bei Basejumpern sehr beliebt ist!!

Richtung Norden konnten wir die Gipfel des Mont Blanc Massivs leider nur schemenhaft im Dunst erkennen, da sich das Wetter etwas zugezogen hatte. Im Osten hingegen war der Blick frei auf die Gipfel des Écrins Massivs, im Südwesten reicht der Blick bis zum Mont Ventoux, der immerhin 80 km entfernt liegt. Besonders macht den Ausblick auch der ungehinderte Blick in die umliegenden Täler. So sieht man beispielsweise den 10 km langen Stausee von Monteynard, der sich auf ca. 630 m Höhe befindet und Teile von Grenoble, das noch deutlich tiefer im Tal liegt. Auch auf die Stadt La Mure und die 4 Seen des Matheysine Plateaus herrscht freie Sicht. Eingerahmt wird der Ausblick von mehreren schwindelerregenden Graten. Ein Blick wie aus dem Flugzeug! Wahnsinn!

Blick vom Gipfel des Obiou
Blick vom Gipfel des Obiou

Abstieg

Für den Abstieg folgt man dem gleichen Weg, leider haben wir damals unsere eigenen Tipps nicht befolgt und unseren Wasservorrat viel zu klein gewählt. Die Strapazen eines so langen Abstiegs in unwegsamem Gelände unterschätzt man doch sehr schnell, ohne Wasser wird das Ganze dann natürlich noch unangenehmer… Schließlich waren wir also heilfroh, als wir nach insgesamt 8 Stunden das Auto wieder erreicht hatten. Trotz der heftigen Strapazen ein unvergesslicher Tag! Wer den Obiou bezwungen hat kann auf jeden Fall stolz auf seine Leistung sein!

Auf unserer Tour damals hatten wir keine optimalen Wetterverhältnisse für Fotos und unsere Fotoausrüstung war ebenfalls nicht die beste. Wer sich einen besseren Eindruck vom Obiou verschaffen möchte, dem empfehle ich dringend das folgende Video, die Autoren des Videos sind die gleiche Tour wie wir gelaufen und haben unterwegs beeindruckende Drohnenaufnahmen gemacht:

 

Wenn du nun Blut geleckt hast und dich selbst am Obiou versuchen möchtest, kannst du dir die passende Wanderkarte im Maßstaß 1:25.000 (IGN Top 25 3337 OT Dévoluy) dazu hier bestellen:

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Die Koordinaten des Parkplatzes findest du unter https://goo.gl/maps/RphVaX2Du882, zuletzt habe ich hier noch die GPS Daten der Tour zum nachlaufen:

volle Distanz: 10942 m
Maximale Höhe: 2836 m
Gesamtanstieg: 1452 m
Gesamtabstieg: -1455 m
Download
Hinweis: Die GPS Tracks dürfen gerne privat genutzt werden, gewerbliche Nutzung sowie die Verbreitung (z.B. auf anderen Websites) ohne Zustimmung des Autors ist jedoch nicht erlaubt!
 

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